Imker-Ag An Der Oberschule Rodenkirchen

Warum der Biolehrer von Bienen schwärmt

von Henning Bielefeld
Biologielehrer Frerk Neumann zeigt eine Bienenwabe aus einem der bunten Styroporkästen. In den gelben Zellen in der oberen Hälfte wachsen junge Bienen heran, in den braunen
Bild: Henning Bielefeld 1 / 2
Ausgeräumte Kulturlandschaften machen den Bienen zu schaffen. Daran ist nicht nur die intensive Landwirtschaft schuld, auch eifrig mähende Hobbygärtner verhindern biologische Vielfalt.

Rodenkirchen Auf dem Rodenkircher Friedhof blüht das Leben. Es müssen Tausende sein, die sich hier wohlfühlen. Ihr Zuhause besteht aus drei Styroporkästen, einer ist grün, einer blau und der dritte orangefarben. Jeder hat am unteren Ende einen schmalen Spalt, durch den die Bienen ein- und ausfliegen können.

Jetzt im Frühjahr sind die beiden Völker auf Wachstum eingestellt, und bevor es ihnen in der Beute, wie die bunten Kästen im Imkerdeutsch heißen, zu eng wird und sie zu schwärmen beginnen, muss aufgestockt werden.

Der Tabak qualmt

Imker-AG der Oberschule Rodenkirchen mit dem Biologielehrer Frerk Neumann, 18. April 2018
Ulrike Brandt und Michelle Zappe, Jonas Schipper und Jona Baudis und ihr Biologielehrer Frerk Neumann nehmen mit einem weiteren Kasten, diesmal einem gelben, Kurs auf die Welt der Bienen. Ehe sie mit ihrer Arbeit beginnen, kramen sie ihren Tabak hervor und stecken ihn an. Es ist Imkertabak. Er besteht aus getrockneten Pflanzenresten, der Rauch aus dem Smoker beruhigt die Bienen.
Smoker heißt die Metallpfeife, die in der Sonne glänzt, und deren Rauch die Siebtklässler aus der Oberschule mit einem integrierten Blasebalg ausstoßen. „Zu Hause nehme ich einfach getrocknete und zerbröselte Reste aus dem Staudenbeet“, sagt Frerk Neumann.
Der Elsflether hatte schon als Jugendlicher davon geträumt, in seinem späteren Leben einmal Imker zu werden. Mit Mitte Zwanzig verwirklichte er den Traum und schaffte sich die ersten Bienenvölker an. „Mich fasziniert das Leben der Bienen. Jede weiß genau, was ihre Aufgabe ist. Die einzelne Biene zählt nichts, nur das Überleben des Bienenvolks ist wichtig“, schwärmt der Biologielehrer. „Ein Bienenvolk ist ein Mega-Organismus.“
Und jetzt hat er dafür gesorgt, dass es auch an der Oberschule Rodenkirchen zwei solcher Mega-Organismen gibt. Zu ihrer Betreuung hat er eine Imker-AG gegründet, die inzwischen im zweiten Jahr aktiv ist. Sechs Schüler, vier aus den siebten und zwei aus den achten Klassen, gehören der Arbeitsgemeinschaft an. Einmal in der Woche arbeitet sie für eine Stunde, die an der Oberschule wie fast immer 80 Minuten dauert.
Zu Beginn des Unterrichts zieht Frerk Neumann sein kariertes Hemd aus. Und dann geht der Biologielehrer mit seinen Schülern zur Treppe im Altbau der Schule, ignoriert aber die Stufen. Denn unter der Treppe verbirgt sich ein fensterloser Verschlag, „unser Harry-Potter-Kabuff“, wie Frerk Neumann sagt. Hier bunkert die AG ihre Ausrüstung: stichfeste Ganzkörperanzüge aus weißem Nesseltuch, breitkrempige Hüte – ebenfalls weiß – mit Schleier, Gummihandschuhe – glaubhaften Zeugenaussagen zufolge nicht stichfest – und selbstverständlich der Smoker.
So ausgestattet, spazieren sie zur Friedhofsmauer. Vorsichtig öffnen Frerk Neumann und eine Schülerin den Deckel eines der bunten Kästen, ziehen einen Holzrahmen mit den Waben heraus und gruppieren ihn und weitere Rahmen in den freien Kasten um, den sie anschließend auf den zum Teil geleerten Kasten setzen. Jetzt können sich die Bienen weiter ausbreiten. In einigen Wochen wird die AG auf beide doppelstöckigen Bienenhäuser jeweils einen dritten Kasten setzen, der nur einen Zweck hat: Honig sammeln.

Nur die Königin

Honig ist das Grundnahrungsmittel der Bienen. Die Arbeiterinnen sammeln bei ihren Flügen Nektar – eine zuckerhaltige Flüssigkeit – und Pollen, den Blütenstaub. Daraus entsteht Honig, den sie in Waben als Winterfutter aufheben.
Imker-AG der Oberschule Rodenkirchen mit dem Biologielehrer Frerk Neumann, 18. April 2018
Von einem großen Volk überleben nur die Königin und einige tausend Bienen den Winter. Wenn im Frühling die Temperatur über 10 Grad steigt, fliegen sie aus und sammeln Nektar und Pollen, erst von Frühblühern wie Krokus und Osterglocke, dann von Ahorn, Obstbäumen, Löwenzahn und schließlich von anderen Bäumen wie Linden. „Die Frühjahrstracht ist meistens sehr ergiebig, im Sommer kommt dagegen kaum noch etwas – außer der Lindenblüte“, sagt Frerk Neumann. Im vergangenen Jahr ist die Frühjahrstracht praktisch ausgefallen, weil es so kalt war. Deshalb gab es im ersten Jahr nur Lindenblütenhonig aus dem Sommer, den Frerk Neumann ohne Hilfe der Schüler ernten musste, weil Sommerferien waren.
Mittelpunkt im Bienenstaat ist die Königin. Wenn sie sich entwickelt hat, bricht sie zu ihrem Hochzeitsflug auf. Eine Bienenkönigin entsteht, indem die Arbeiterinnen einige Larven, die in der Mitte der Wabe sitzen, dazu auserwählen und sie mit Gelee Royale, einem besonders nährstoffreichen Futter, versorgen. Dadurch werden die Königinnen größer als die Arbeiterinnen, vor allem am Hinterleib. Doch es kann nur eine geben – sie tötet die Mitköniginnen mit ihrem Stachel.
Beim Hochzeitsflug steuert die Königin einen Drohnensammelplatz an, wo sich viele männliche Bienen treffen, um Königinnen zu begatten. Bis zu zehn schaffen das bei einer Königin – und sterben sofort. Drohnen, die ihre Pflicht nicht erfüllen können, werden im Spätsommer in der Drohnenschlacht von den Arbeiterinnen aus dem Stock geworfen. Das ist ihr Todesurteil: Ohne Hilfe können sie nicht überleben.
Imker-AG der Oberschule Rodenkirchen mit dem Biologielehrer Frerk Neumann, 18. April 2018
Die Königin produziert ihr ganzes drei- bis vierjähriges Leben lang Nachwuchs aus den einmal gesammelten Samen. Aus den Eiern schlüpfen Larven, die binnen 21 Tagen in sechseckigen Zellen aus Bienenwachs unter gelben Deckeln zu Arbeiterinnen heranwachsen. Die Zellen sammeln sich halbkreisförmig in der Wabe und erweitern sich zum Kreis, wenn der zweite Kasten aufgesetzt wird.
Frerk Neumann glaubt nicht, dass die AG eine Sommertracht ernten wird. Den Honig, der dank seiner Vitamine und Spurenelemente sehr gesund ist, will er den Bienen als Winterfutter lassen. Als Ersatz können Imker nur Zuckerwasser anbieten, das die Bienen auch in Honig umwandeln können, aber dessen Qualität ist geringer.

Vielfalt geht verloren

Die Bienen, betont Frerk Neumann, können jede Unterstützung brauchen. Nicht nur bei den intensiv wirtschaftenden Landwirten, die ihre Wiesen bis zu fünf Mal im Jahr mähen, komme keine biologische Vielfalt mehr hoch. Auch bei den Gartenbesitzern, besonders bei denen mit Mährobotern, sehe es nicht besser aus. In den vergangenen 40 Jahren seien die Insekten um 70 Prozent geschrumpft – und zwar sowohl bei der Zahl der Individuen als auch bei der Zahl der Arten.

Deshalb war die AG kürzlich auch bei Bürgermeister Klaus Rübesamen. Die Schüler und ihr Lehrer wollen, dass bei der Pflege der gemeindlichen Grünflächen mehr Vielfalt stehen bleibt. Für die Bienen ist das lebenswichtig.