NWZ 21.12.2018



Ein EU-Land, so arm wie die Ukraine



von Henning Bielefeld







Leuchtende Kinderaugen: Auch aus unserer Sicht kleine Geschenke bereiten in Rumänien große Freude.



Das Ziel des Hilfstransports wurde kurzfristig geändert. Grund war der Ukraine-Krieg.



Rodenkirchen. Arad ist eine Großstadt im äußersten Westen Rumäniens, dicht an der Grenze zu Ungarn. Der Rodenkircher Handwerksmeister Udo Stallkamp braucht 26 Stunden, um mit einem Lastwagen dorthin zu kommen. Wenn er aussteigt, ist er immer noch in der Europäischen Union – und doch in einer ganz anderen Welt.



Kein Mittelstand

„Da steht der Porsche neben der Pferdekutsche“, schildert Udo Stallkamp, „aber die Pferdekutsche ist nicht für Touristen.“ Sondern für ganz normale Menschen. Dem ehemals sozialistischen Rumänien geht es nicht anders als der früheren Sowjetrepublik Ukraine, sagt Udo Stallkamp: „Die Schere zwischen Arm und Reich ist riesig, und einen Mittelstand gibt es praktisch nicht.“

Eigentlich wollte der 39-jährige Inhaber eines Zimmerei- und Dachdeckerbetriebes auch in dieser Vorweihnachtszeit wieder mit einem Hilfstransport des Serviceclubs Round Table in die Ukraine fahren – wie so oft in den vergangenen Jahren. Doch die zunehmenden kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ostukraine verhinderten das: Sollte ein Lastwagen kriegsbedingt verloren gehen, ist er nicht versichert.

Deshalb beschlossen die Roundtabler aus der Wesermarsch am Tage ihrer Abfahrt, Rumänien anzusteuern. Das liegt nahe, weil die Nordenhamerin Kirsten Malle den kompletten Rumänien-Konvoi organisiert. Sie gehört dem Ladies‘ Circle an, der Frauenorganisation der Roundtabler.

Udo Stallkamp bekam in Arad den Weg nach Drobeta gewiesen, einem Landkreis. Zusammen mit dem Nordenhamer Roland Veit setzte er sich ins Führerhaus eines LIT-Lasters aus Brake und steuerte in Richtung plattes Land, und mit jedem Kilometer, den er zurücklegte, kam es ihm mehr vor wie die Ukraine.




Anhaltende Lethargie

9000 Päckchen hatten Schüler aus der Wesermarsch, darunter auch die von der Oberschule Rodenkirchen, für diese Aktion gepackt. Spielsachen, Kleidung und Hygiene-Artikel waren drin – und Briefe. Die Schreiben wurden von Dolmetschern der rumänischen Roundtabler übersetzt.

Udo Stallkamp hält große Stücke auf diese Briefe; er hofft, dass sie ein neues Denken in der jungen Generation anstoßen, das die jahrzehntelange Lethargie überwinden kann – vor allem, wenn Päckchen und Briefe keine Eintagsfliegen bleiben.

Denn Udo Stallkamp hat aus Rumänien wie aus der Ukraine den Eindruck mitgenommen, dass eigentlich kaum etwas vorangeht. Sie waren in Schulen, Gehörlosenschulen, Kindergärten und Krankenhäusern. In den Schulen werden die Klassenzimmer noch mit altmodischen Öfen geheizt, das Holz müssen die Schüler vom Schulhof mitbringen. Das Mobiliar stammt aus den 50er- oder 60er Jahren, behinderte Schüler bekommen kaum Hilfe.

So ist Udo Stallkamp ein Achtjähriger in Erinnerung geblieben, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist, aber keinen hat. Er verfolgte den Unterricht auf einem Stuhl und wurde nach der letzten Stunde von seiner Mutter abgeholt, die ihn auf ihren Armen aus der Schule trug.